Aus Kapitel 1: Sieben Worte
„Ich will nichts von dir. Wirklich nicht.“
Die Nachricht kam an einem Sonntagabend im März, um 19:42 Uhr, zwischen Bratkartoffeln und Nachtisch. Ich weiß die Uhrzeit so genau, weil ich sie mir später noch oft angesehen habe, so wie man sich das Datum auf einem Röntgenbild ansieht. Hier hat es angefangen. Hier hätte man noch etwas machen können.
Jonas, mein Ex-Mann, mit dem ich es seit Dezember noch einmal versuchte, saß draußen auf dem Balkon, auf dem zweiten Stuhl, und las unserer Tochter Mila etwas vor. Ben, unser Großer, elf Jahre alt, lag drinnen auf dem Sofa und tat so, als würde er nicht zuhören, was er immer tat, wenn Jonas vorlas, und was er immer schlecht machte, weil er an den lustigen Stellen schnaubte. Ich stand in der Küche und kratzte die Pfanne aus. Das Handy lag auf der Arbeitsplatte neben der Butter, und als es aufleuchtete, dachte ich an meine Mutter, an die Schule oder an den Eltern-Chat, der sonntagabends gern noch einmal Fahrt aufnahm, weil irgendjemand das Mathebuch vergessen hatte.
Es war keine Nummer, die ich gespeichert hatte. Darunter stand in grauer Schrift: Gemeinsame Gruppe: Eltern 2b.
Und davor ein Name. Hendrik.
Ich wusste sofort, welcher Hendrik. In der Klasse meiner Tochter gab es nur einen. Er war der Vater von Ida, dem Mädchen mit den zwei geflochtenen Zöpfen, das Mila im Herbst eine Freundschaftsarmbandschleife beigebracht hatte, die bei uns seitdem an jeder Türklinke hing. Er war groß, hatte einen grauen Dreitagebart und eine Art, sich beim Zuhören leicht vorzubeugen, als wäre das, was man sagte, interessanter als alles andere im Raum. Und er war verheiratet mit Katrin. Katrin, die beim Laternenumzug heißen Kinderpunsch in Thermoskannen mitbrachte und jedes Mal an Becher für alle dachte. Katrin, die mich am Schultor anlächelte, als wären wir alte Bekannte, obwohl wir nie mehr als drei Sätze über Läuse und Lehrerkrankheit gewechselt hatten.
Ich las die sieben Worte noch einmal.
Ich will nichts von dir. Wirklich nicht.
Das Problem war nicht, dass ich nicht wusste, was er meinte. Das Problem war, dass ich es genau wusste.
Ich drehte das Handy um, mit dem Display nach unten, und kratzte weiter die Pfanne aus, obwohl sie längst sauber war.